Kapitel 1 Ungezieferplage
Der 10. Mai im Jahre 3100 war ein sonniger Tag und der Anfang von den unzähligen Abenteuern, die ihr im Laufe dieser Geschichte erleben werdet...
Eine Elster flog mit einer erbeuteten Silbermünze im Schnabel über einen mit Sorgfalt bestellten Acker. Sie wich mit einem eleganten Schwenker nach rechts einer Vogelscheuche aus und liess sich am darauffolgenden Ende des Ackers am Holzzaun nieder. Mit dem Silberstück immer noch fest im Schnabel, beobachtete sie genau, ob eine Gefahr in der Nähe ist oder ob ihr Nest vielleicht von anderen Elstern beobachtet wird. Als sie von der Sicherheit überzeugt war, erhob sie sich wieder in die Luft und flog mit gleichmässigen Flügelschlägen über den grossen Dorfgarten, welcher auch als Dorfmitte oder "Herz des Dorfes" bezeichnet wird.
Der Dorfgarten ist eine grosse eingeschlossene Wiese, auf der man Bäume, Sträucher und Blumen in allen Farben gepflanzt hatte. Auf der ganzen Wiese verteilt spielten Kinder sehr gerne Fangen, so wie es auch jetzt der Fall war. Das jedoch interessierte die Elster nicht im geringsten und sie ignorierte die lauten Kinder unter sich. Sie flog direkt auf die Dorfkirche zu und landete auf dem massiven Stützbalken der Kirchenglocke. Hüpfend näherte sie sich ihrem Nest, welches gefüllt ist mit jeglicher Art von Münzen, Glaskugeln, mit denen die Kinder im Garten spielten, und sonstigen glänzenden Dingen.
Von hier aus hat sie nämlich den besten Überblick über das kleine idyllische Dorf Mondstadt. Ihr Blick reicht von dem neu erbauten Hotel über die Taverne mit ihrem schönen Vorgarten, bis schliesslich der kleine Hafen das Ende ihres Reviers kennzeichnet. Als die Elster ihren Blick vom Hafen löste, erspähte sie im Dorfgarten eine Gestalt. Diese wirkte nicht gefährlich und zu ihrem Glück glänzten viele Sachen auf deren Rücken. Also gleitete sie mit ausgebreiteten Flügeln von ihrem Aussichtspunkt hinab und versuchte mit ihrem Schnabel eines der glänzenden Sachen zu klauen.
Ein Mann mit wilden langen Haaren schlängelte sich zwischen den spielenden Kindern hindurch. Genau in dem Moment, als er sich zur Seite drehte, um einem Kind auszuweichen, sauste etwas Kleines Schwarzes an ihm vorbei und stieg schnell wieder in den Himmel empor. Mit seinen braunen Augen verfolgte er die Elster noch eine Weile, bis er seine Hand, welche instinktiv nach einem Pfeil gegriffen hatte, wieder lockerte.
"Diebisches Vieh!", murmelte er in sich hinein und ging mit festem Schritt weiter. Ein Kind zog ihm leicht an seinem grünen Umhang und schaute ihn mit fragendem Blick an.
"Wolltest du ihn erschiessen? Bist du ein Jäger?"
Darauf blieb der Mann wieder stehen. Er drehte sich mit seinem lockeren Gesicht, das von einem Vollbart abgerundet wurde, zum Kind um.
"Jäger? Nein, mein Kleiner, nicht ganz. Ich bin ein Ranger aus einer fernen Stadt namens Labrum", sprach er mit sanfter, gelassener Stimme zum Kind. Voller Erstaunen liess das Kind den Mantel los und mit grossen Augen schaute es zu ihm hinauf. "WOW! Ein Ranger, ein richtiger Ranger, so wirklich mit Bogen und... und versteckten Dolchen? Taschen randvoll mit Zähnen von erlegten Monstern? So einer bist du?" Lachend verwuschelte der Fremde die Haare des Kleinen und antwortete, "Ja, genau so einer. Aber nun habe ich eine Frage an dich, wo finde ich die nächste Taverne? Ich habe grossen Hunger, weisst du." Eifrig schoss die Hand des Kindes in Richtung der Taverne, "Aber natürlich, wer grosse und gemeine Monster besiegen kann, muss sehr viel essen. Siehst du das Gebäude da vorne? Das ist unsere Taverne, der Koch Andi macht das beste Spanferkel, dass du je gegessen hast."
Der Mann folgte dem Finger des Kleinen, dieser zeigte auf ein Riegelhaus. Dieses unterschied sich mit seinen roten Riegeln und dunkelrotem Dach von allen am meisten durch seine strahlend weisse Fassade. Zufrieden gab er dem Kind ein Silberstück in die Hand und setzte seinen Weg zur Taverne fort.
Vor der dunkelroten Doppeltür blieb er stehen und inspizierte das Haus und dessen Garten. Über den schön gepflasterten Weg, den er gekommen ist, kann man links und rechts in zwei abgezäunte Gärten gehen. Im linken steht eine kleine Feuerschale, welche in schönen Sommernächten gerne entzündet wird, überlegte er für sich. Aus dem Augenwinkel stellte er fest, dass das ganze Gebäude von einem Bach umrundet ist, in dem sich viele farbige Fische tummelten.
Sichtlich beeindruckt öffnete er die Tür und sofort stieg ihm der Duft des offenen Feuers entgegen, vermischt mit dem Knistern der Flammen unter dem saftig tropfenden Spanferkel. Das alles wird von der süssen Note des Mets und dem Lachen der Gäste begleitet. Ganz zum Schluss vernahm er noch die Töne eines Barden, welcher gerade ein bekanntes Lied, "das alte Wanderlied", angestimmt hatte.
Als er die Tür hinter sich schloss und der überwältigende erste Eindruck verflog, liess der Fremde seinen Blick durch den Raum gleiten. In der Mitte stand ein grosses offenes Feuer, über dem an einem Spiess befestigt ein Spanferkel kunstvoll gedreht wird. Das Wesen, welches den Spiess dreht, ähnelt einer Hyäne, die gelernt hat, auf zwei Beinen zu gehen. Am anderen Ende des Raumes marschiert eine Menschenfrau hinter der Theke auf und ab, mal mit Bierkrügen und mal mit Tellern in der Hand.
Von seiner rechten Seite vernahm er die Melodie eines Klaviers. An dessen Tasten sass ein Elf mit bleicher Haut und blonden Haaren. Sein Mantel, der bis auf den Boden ragte, war schwarz und an den Rändern mit einem fingerbreiten weinroten Saum versehen. Von ihm kam auch das angestimmte Lied, welches der Fremde beim Öffnen gehört hatte. Mit den Worten des Barden schritt er in Richtung der Theke.

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