13. Provisorium

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Das Himmelsinstitut, gegründet mit der Entstehung von Sarkorska, war zum Keimling einer blühenden Forschungsgemeinde geworden. Das dreistöckige Anwesen mit seiner verzierten, aber stattlichen Fassade türmte sich abgesetzt vom Stadtrand auf. Es war die ehemalige Sommerresidenz des Königs von Scios, wie Sarkorska noch als Königreich hieß.

Ich begab mich zum linken Flügel des Himmelsinstituts. Ins Archiv. Der Raum erstreckte sich über drei Etagen bis zum Dach. Regale, Böden und Balustraden waren aus Holz mit einem kräftigen, dunklen Braunton. Ich schritt die Regale ab. Sie waren gewaltig. Es brauchte an den Regalen befestigte Leitern, um an die oberen Reihen heranzukommen.

In dem Boden eingelassen verliefen einige Röhren. Sie verliefen in einem scheinbar wirren Netz zur Mitte des Raums. Obwohl es mitten am Tag war, schien kaum Licht in die Bibliothek. Cremefarbene Vorhänge waren in allen drei Stockwerken zugezogen. Kristallleuchter an den Regalseiten gaben nur wenig Licht ab.

Der Gang samt Röhren mündete in einen kreisrunden Platz, gleichzeitig das Kopfende der Bibliothek. Hier bildeten Hölzer in Dunkelbraun und mit Rotstich ein Muster im Boden. Von oben offenbarte es sich als mehrere ineinander verschränkte fünfeckige Sterne. Um das Muster drumherum standen mehrere zu einem Kreis angeordnete Tische. An jedem der sechs Tische endete auch eine der Röhren.

Etwas zu meiner rechten fand ich sie. Zurückgelehnt in einem gepolsterten Stuhl, mit einem aufgeschlagenen Buch im Gesicht liegend, saß Elisabeth Wimmer. Sie trug noch dasselbe Hemd von gestern. Die gelbe Fliege hing geöffnet herab. Die obersten zwei Knöpfe des Hemds waren geöffnet und zeigten ihren Ausschnitt.

Ich schritt vorsichtig durch eine Lücke des Tischkreises und kam vor ihrem Tisch zum Stehen. Ich hielt inne. Wartete. Im absoluten Flüsterton fragte ich. "Lise, bist du wach?"

"Ahhh..." stöhnte sie leise.

Unter anderen Umständen hätte ich ihr angeboten, ihr mit ihrem Kater zu helfen. Wohl wissend, dass sie das Angebot an einem Sonntag wahrscheinlich ausschlagen würde. Ich vermutete, dass sich bei ihr zum Kater noch eine Migräne gesellt hatte. Denkbar ungünstiger Zeitpunkt für mein Erscheinen.

"Möchtest du, dass ich Julius Bescheid sage?"

Ihr rechter Arm hob sich. Sie zeigte mir einen Daumen nach unten.

"Ich muss dich um einen Gefallen bitten."

Was könnte Sarkor zufriedenstellen? Mein Blick schweifte über die Bücherregale, die die Wand hinter Elisabeth säumten. Darüber hatte ich bis eben noch gar nicht nachgedacht. Irgendwie bezweifelte ich, dass er sich wieder mit etwas Belanglosem abspeisen lassen würde.

"Ich bin mit Sarkor einen Handel eingegangen, um meinen Kopf zu retten."

"Ha."

"Würdest du ihm in meiner Abwesenheit bitte unsere Aufzeichnung über Kristalllegierungen bringen?"

In den letzten Jahren hat sich ihr Einsatz gut verbreitet, wobei das Himmelsinstitut den Herstellungsprozess bis jetzt Geheim gehalten hat. Nur handverlesenen Schmieden unseres Vertrauens ist bislang die Herstellung erlaubt. Und selbst dann ist ein Export außerhalb des Lands streng reglementiert.

Sie hob ihre Hand und deutete mit dem Zeigefinger in meine Richtung.

"Ja, ich bin mir sicher. Ich bitte dich."

Sie gab mir einen Daumen hoch.

"Dieses Notizbuch, das Robert gelesen hat."

Sie zeigte an mir vorbei. Ihr gegenüber stapelten sich gut zwei Dutzend Bücher auf einem Tisch. Das wird wohl sein Rechercheplatz sein. Neben Notizblättern und einem aufgeschlagenen Buch lag es. In schwarzes, zerfleddertes Leder gebunden. Ich nahm es an mich. Irgendetwas in mir drängte mich dazu, mich bei ihr erneut zu entschuldigen. Wir hatten gestern ein etwaiges Kriegsbeil begraben. Was gesagt werden musste, war gesagt worden. Und doch fand ich mich innehaltend.

"Danke."

Ich wand mich ab und ging. So leise wie ich gekommen war. Hinter mir hing ich ein. "Bitte nicht stören" Schild an die Türen der Bibliothek.

Zurück in meinem Büro setzte ich mich an meinen Schreibtisch. Ich öffnete die oberste rechte Schublade, fasste hinein. Es klickte leise als ich einen geheimen Knopf betätigte. Zwei Klappen sprangen neben den anderen Röhren im Schreibtisch auf. Sie waren vorher mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen gewesen.

Mit Zischen schob sich eine schwarze Kapsel aus einer der Öffnungen. Leicht eingerollt platzierte ich das Notizbuch darin. Ich verschloss die Kapsel wieder. Aus einer anderen Schublage holte ich eine rote Kordel. Mit der roten Kordel fixierte ich den Deckel oben. Als nächste griff ich ein Buch mit mächtigem Einband aus dem Regal. Aufgeklappt zeigte sich der Hohlraum in der Buchatrappe. Darin befand sich Siegelwachs und mehrere kobaltblaue Kristalle. Die Kristalle waren nicht größer als das vorderste Glied meines Zeigefingers.

Ich fixierte einen der Kristalle direkt hinter dem Knoten, der die Kapsel verschloss. Die Enden der Kordel legte ich in den Deckel. Nach einigen Minuten waren mehrere Löffel voll blauem Siegelwachs geschmolzen. Ich goss es in den Deckel bis zum Rand. Kordel und Kristall waren gänzlich ertränkt darin.

Es war beim besten Willen nicht die beste Lösung, um etwas zu verstecken, dass keiner finden sollte. Eine versiegelte Kapsel, die in den Wirren des Röhrensystems lagerte und bei einem unbedachten Öffnen hochgehen würde. Durch die Hitze des Siegelwachses war der eingelegte Kristall so instabil geworden, dass ihn nur noch das Wachs zusammenhielt. Es war mal nur als Provisorium gedacht. Aber die halten sich bekannterweise am längsten.

Bevor das Wachs erkalten konnte, presste ich noch vorsichtig mein Familienwappen hinein. Es zeigte einen auf dem Kopf stehenden Kriegshammer. Ohne die Verzierungen würde er auch gut als Vorschlaghammer durchgehen. Dieser Hammer existierte auch in Wirklichkeit. Zumindest nahm ich an, dass er das Feuer damals überstanden hatte. Für einen Moment erinnerte ich mich zurück. An meine Zeit im Imperium. Meine Familie hatte über Generationen im Dienste ihrer Majestät gestanden, die königliche Akademie gegründet und auch hohe Posten bei den Seelenwächtern innegehabt. Wir waren loyal. Bis zum ersten Dämonenkrieg. Die Seelenwächter wurden damals dezimiert und ohne diese Kraft als Rückhalt waren die Tage ihrer Majestät gezählt. Hammthal, damals noch Thal Hamm, Familienoberhaupt und Kommandant, flüchtete am Ende des Krieges. Meine Eltern schworen der neuen Regierung, dem Imperator, ihre Treue. Dass dieser kein Vertrauen in die Seelenwächter und anderen "ehemaligen" Loyalisten haben würde, war rückblickend so offensichtlich. Doch ich verstand es erst, als ich in ihren Augen nicht mehr dienlich war. Als ich zu viel wusste. 

Ich schluckte schwer, eine stille Träne rollte meine Wange hinunter.

"Lebe."

Als hätten sie unbedingt besonders sadistisch sein müssen, streckten sie die Liebe meines Lebens vor meinen Augen nieder. Dieses letzte Wort von ihm trug ich eingebrannt auf meinem Rücken mit mir. Erik's selbstlosen Optimismus würde ich in den nächsten Tagen brauchen.

Wir können jederzeit darüber reden, Valentin. Meldete sich Hammthal zum ersten Mal heute zu Wort.

Du hast meine Erinnerungen gesehen, was soll ich dir noch erzählen.

Das ist nicht der Punkt und das weißt du. Ich hatte ehrlich gedacht, du würdest mir gegenüber nachtragend sein. Meine Entscheidung, das Land zu verlassen. Überzulaufen. Es hat unsere Familie zerrissen. 

Hat es? Ich weiß nicht. Sicherlich, Papa hat alles versucht, um nicht in Ungnade zu fallen. Aber wir haben dir deine Flucht nicht angekreidet. Du hattest deine Gründe, überzulaufen. Wir hatten unsere Gründe, dort zu bleiben. Die Hoffnung, mit der Stimme der Vernunft von Innen was zu bewegen. Vielleicht war das der blauäugige Optimismus von Erik, der mich blind für die Realität um mich herum gemacht hat. Aber es hat sich gut angefühlt. Ich war überzeugt, zu einer besseren Zukunft beizutragen. Stellte ich meine Perspektive dar.

Bist du das heute nicht mehr?

Hhm… So schwarz, weiß ist die Welt nicht. Am Ende ist es dieser unangenehme Graubereich, in dem man sich bewegen muss. Egal wie gut die eigenen Ziele sein mögen, rechtfertigen sie wirklich die Mittel dafür? Können wir das überhaupt beurteilen? Wer verdammt, weiß das schon.

Valider Punkt, klingt aber auch wieder wie eine Ausrede, eine Rechtfertigung sich nicht zu rechtfertigen. Konterte Hammthal.

Wahrscheinlich, ja.

Das Wachs war erkaltet. Ich schob sie in die geöffnete Röhre. So wie ich den Deckel zur Röhre schloss, klickte es leise als der geheime Mechanismus im Tisch wieder einrastete. Mit leisem Zischen machte sich die Kapsel auf die Reise in die Unweiten des Röhrensystems.

< ... >
< ... >
< ... >
< Befragungsraum >

Wilhelm Stark: "..."

Magnus Leupold: "Ich hab irgendwie damit gerechnet, du würdest jetzt sowas sagen wie: Die Hütte nehmen wir jetzt komplett auseinander. Da bleibt aber kein Stein auf dem Anderen. Oder, das Provisorium kann der sich sonst wohin stecken."

Wilhelm Stark: "Weißt du es noch gar nicht?"

Magnus Leupold: "Was?"

Wilhelm Stark: "Das Himmelsinstitut wurde vom Hohen Rat dem Zentralarchiv eurer Abteilung 4 unterstellt, während du in Hardon warst."

Magnus Leupold: "Bitte, was?"

Wilhelm Stark: "All die kleinen Geheimnisse werden also Stück für Stück ans Tageslicht gezehrt. Jedes Einzelne. Du hättest die Wimmer sehen sollen, als sie sich dem Befehl verweigern wollte. Einmal Korrektor, immer Korrektor."

Magnus Leupold: "Sag mal, hat er sich gerade bewegt?"

Wilhelm Stark: "Jetzt fängst du aber an, dir Dinge einzubilden."

Diese Geschichte schließt an Operation Sublimierung an. Siehe hierfür: https://www.worldanvil.com/community/manuscripts/read/2223665389-midnightplay-operation3A-sublimierung
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