14. Tsunami

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Das Meer schlug wild und ungezähmt gegen die Klippe, auf der sich unser Zug einen Weg durch eine meterdicke Schneedecke bahnte. Die vorgespannte Schneefräse arbeitete unter Volllast, wie mir das Vibrieren meines Hinterns mitteilte. Diese Klippe war Teil einer unwirklichen Landschaft im Norden der Reißer, dem Gebirge südwestlich von Sarkorska. Links von der Zugstrecke waren nur wenige hundert Meter Platz, bevor die Reißer steil empor wuchsen. Dieser Platz war darüber hinaus mit Steinbrocken übersät. Einige so groß, dass sie durch die Schneedecke hindurch lugten, bevor sie von der Schneefräse eingedeckt wurden.

Es klopfte unerwartet. Ich hatte mich ursprünglich in unser Schlafabteil zurückgezogen, um mir eine neue Spritze mit Schmerzmitteln zu setzen. Hierzu würde ich nicht kommen, wie ich dem Entriegeln der Tür entnahm.

Ein Kampfschaffner trat ein. Dicht gefolgt von einem zugeknöpften Sekretär. Dieser blickte selbstgefällig auf mich herab, als wäre es seine perfide Idee gewesen, einzutreten ohne auf eine Antwort zu warten. Den zwei Goldplättchen an der Uhrkette des Schaffners entnahm ich seinen Rang als Leutnant an Bord dieses Zugs. Er trug ein weißes Hemd und darüber eine dunkelgelbe Weste und eine ebenso dunkelgelbe Anzughose. Unter seinem dichten, zu einem Kinnvorhang geschnittenen Bart versuchte er ein fliehendes Kinn zu verbergen, mit mittelmäßigem Erfolg.  

Der Kampfschaffner setzte sich mir gegenüber und klappte den unter dem Fenster verstauten Tisch aus. Der Sekretär holte von einem Wägelchen im Gang eine Tasse mit darin befindlichem Sieb und servierte sie dem Schaffner. In kreisenden Bewegungen goss er heißes Wasser darüber. Leichte Dampfwölkchen stiegen von Tasse und Kanne auf. Anhand des muffigen Geruchs nahm ich an, dass es sich um Teeteer handelte. Zu einem so feinen Pulver geriebene Blätter, dass sie das Sieb ad absurdum führten. Teeteer war unangenehm bitter, machte dafür aber langanhaltend wach. Einen Preis, den ich nur selten bereit war, zu zahlen. Nach einer Minute entnahm er das Sieb und stellte es samt Wasserkanne zurück zum Wägelchen und schloss die Tür. Freilich blieb er an der Seite des Schaffners.

"Herr Thal, es wird uns eine Freude sein, Sie in Hardon willkommen zu heißen. Morgen Abend werden Sie beim ehrenwerten Familienoberhaupt der Steinbach und gleichzeitigen Premierminister von Hardon, Benedict Steinbach, erwartet. Eine Teilnahme ist zwingend erforderlich. Sie verstehen."

"Nun, vielen Dank, doch welchen Grund gibt es für diese Ehre?", fragte ich frei heraus.

Die Antwort hinauszögernd, nahm er einen Schluck des Teers. Die Erinnerung an die Bitterkeit legte sich wie ein Pelz auf meine Zunge. Ich verzog bei der Erinnerung beinah das Gesicht.

"Nun, Herr Thal, lassen sie mich unmissverständlich klar sein. Der Herr Premierminister erwartet ihre vollumfängliche Kooperation."

Ich setzte zu einer Gegenantwort an, da hob der Sekretär seinen Zeigefinger, um mich ruhig zu stellen. Seine Hände waren in weiße Samthandschuhe gehüllt. Er trug einen schwarzen Dreiteiler als Anzug. Die Weste war vollständig zu geknöpft. Am Revers seiner Weste steckte ein Pin, welcher eine Schreibmaschine abbildete. Wohl gemerkt, die Schreibmaschine in Gold, würde der hochnäsige Sekretär mich wissen lasen, sofern ich es auch nur am entferntesten ansprechen würde.

Die Machtverhältnisse waren damit offengelegt. Mir sollten die Hände gebunden werden, bevor es diplomatisch nicht mehr opportun war. Dafür reichte es, mich zum Weisungsempfänger zu machen. So kann man mich viel leichter an der Leine umherführen.

"Wir bedauern, was mit ihren Kollegen passiert ist."

Der Sekretär lehnte sich zu ihm herab und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

"Und Kollegin natürlich. Sie möchte ich nicht vergessen. Auch wenn ich doch sagen muss, um sie ist es schon schade. Ein Schmuckstück war sie. Ein echtes Schmuckstück. Tja, Schwund ist immer." Er nahm einen weiteren Schluck. Erstick dran.

"Hhhmmm, ein Getränk, wie es nur die eigene Mutter lieben könnte. Aber wenn man einmal damit angefangen hat. - Nun, was wollte ich nochmal ansprechen?", sinnierte der Mensch von einem Kotzbrocken. "Vollumfängliche Kooperation, sexy Kollegin und? Und?"

Ein weiteres Mal wurde ihm ins Ohr souffliert.

"Ach ja, genau." Langsam, kontrolliert drehte er die Tasse auf dem Tisch, sodass man das Schaben deutlich hörte. Hinauszögernd schaute er von der Tasse zu mir auf. "Da wäre noch die Sache mit den weißen und schwarzen Flammen. Der Herr Premierminister erwartet Antworten. Die Nation erwartet Antworten. Antworten, die einer Allianz würdig sind, sie verstehen. Und glauben Sie nicht, dass wir Sie ohne gehen lassen. Sowohl der Seelendämon als auch die neuen Flammen sind nicht verhandelbar. Ich weiß, Sie gehorchen nur dem Hohen Rat. Diesem elitären Haufen ungewählter Intellektueller. Aber darum haben wir uns bereits gekümmert. Sehen sie."

Der Sekretär zog aus seiner Hemdtasche ein Schreiben, besiegelt und unterschrieben von einer Mehrheit des Hohen Rats sowie der Parlamentsvorsitzenden. Sie wiesen mich an, so zu kooperieren, wie er es gerade von mir gefordert hatte.

Ich schaute von dem Schreiben zurück zu ihm. "Es ist, wie es ist."

"Nun." meinte er daraufhin. Eine Mischung aus Überraschung und Enttäuschung steckte in seiner Stimme. "Das war leichter als ich erwartet hatte."

 

Ich wollte reagieren. Mein Instinkt wollte kontern. Ihm zumindest verbal Paroli bieten. Doch meine Lippen versagten mir den Dienst.

"Ich sehe Ihre Stille als Zustimmung an, Herr Thal."

Was ein Arschloch.

"Sekretär, notieren Sie, dass Herr Thal gedenkt, vollumfänglich den Forderungen des Premiers Folge zu leisten. So, wie es Ihm der Hohe Rat aufgetragen hat."

"Noch eine Ergänzung?", erkundigte sich der Sekretär bei seinem Herrn.

"Nein, das reicht."

Ich war angewurzelt. Ein Equilibrium. Ich war da, hörte und sah, was diese gottlose Existenz von mir verlangte. Doch jede Bewegung. Jedes Heben und Senken der Brust drohte, das Equilibrium zu kippen. Es schnürte mir die Luft ab. 

"Dann sind wir hier durch." Er erhob sich. Der Sekretär griff zur Tür, doch hielt inne. Der Leutnant verabschiedete sich. "Ich empfehle mich, Herr Korrektor Thal."

Er tippte dem Sekretär auf die Schulter, worauf er erst dann die Tür öffnete. Vielleicht wollten Sie einen verbalen Schlagabtausch hier im Abteil behalten. Wahrscheinlich suchte er nur nach einem Vorwand und provozierte mich deswegen gezielt.

Jetzt nimm das Schmerzmittel, los! Schob mich Hammthal an.

Die Abteiltür klickte. Ich war wieder für mich.

Ja, mach ich ja schon.

Ein Ruckeln. Vielleicht eine Unebenheit in der Strecke. Nichts weiteres als ein einfaches auf und ab des Waggons. Erst nach oben. Meine angespannten Muskeln eine Sekunde lösend. Dann nach unten. Stauchend sackte ich in mich zusammen. Fiel vornüber. Eine Wasserwelle umspülte meine Füße. Wieder sanken sie ein Stückweit in den Sand ein. Der Salzige Geschmack der Meeresluft legte sich mir auf die Zunge, als ich die Brise tief einatmete.

"Und was machen wir jetzt, Valentin?", fragte mich Hammthal, der sich neben mir an den Strand setzte.

"Warten. Einfach warten."

"Valentin?", fragte Hammthal. Dabei drehte er den Gehstock zwischen den Fingern neben mir am Strand sitzend, als wäre er ein kleiner Stift.

"Ja?" Ich fühlte die einzelnen Sandkörner zwischen meinen Zehen.

"Was hältst du von Hardon gerade? Mit Politik habe ich mich nie wirklich auseinandergesetzt."

"Wie hast du nochmal den König von einer Technokratie überzeugt?", konterte ich.

Hammthal zuckte mit den Schultern und grinste in sich hinein. "Hat sich so ergeben."

Ich schüttelte in Unglauben mit dem Kopf. "Der Premier will den Seelendämon, um seine Machtposition zu festigen. Schließlich geht mit einem Dämon eins zu eins politische Macht einher", erklärte ich.

"Das klingt nach einer kurzen Leine."

"Einer sehr kurzen, wie wir eben festgestellt haben."

"Und was werden wir machen?", fragte er unschuldig. So unschuldig wie ein alter Mann fragen konnte, der mehr auf dem Kerbholz hatte, als die meisten vor ihm.

"Das, was wir immer machen, den Status quo aufrechterhalten."

"Und was machen wir mit dem Daumen, der uns niederdrückt?", fragte er, als ob er gerade eine Revolution anfachen wollen würde.

"Wenn mein Körper wiederhergestellt ist, ist das das geringste Problem."

Womit wir bei der Frage wären, die er eigentlich stellen wollte.

"Du kennst die Antwort", sagte ich. "Tu nicht so, als wenn du meine Gedanken dazu nicht schon gelesen hättest."

"Gut, ja, habe ich. Aber ist das die einzige Lösung, die dir einfällt?"

"Ehrlich? Ja. Wenn wir meinen Körper auf zehn bis fünfzehn Grad herunterkühlen, bin ich quasi hirntod, würde ich wetten. Dann öffnet sich für euch das Zeitfenster, um die Splitter zu extrahieren. Damit fertig, geben wir dir etwas Saft und tauen mich wieder auf."

"Was machen wir, wenn bei dir die Lampen ausbleiben? Oder der Operationssaal in die Luft fliegt?"

"Das finden wir raus, wenn es so weit ist, würde ich sagen." Ich grub meine Füße in den Sand. Meereswasser sammelte sich in den Kuhlen zwischen meinen Zehen.

"Ich geb dem Ganzen eine Chance von 1 %", schätzte Hammthal.

"Aber mit dir und unserer Trumpfkarte?"

"Vielleicht 10 %", korrigierte sich Hammthal nach oben.

"Na, das ist doch quasi ein Erfolg", sprach der Zweckoptimismus aus mir.

"Erfolg am Arsch", fluchte Hammthal.

"Bessere Idee?", fragte ich. Am Horizont nahm der bläuliche Himmel eine dunkle Farbe an. Diese Farbe begann zu wachsen, während sich das Wasser von uns zurückzog.

"Das kann nicht alles sein", sagte Hammthal.

Eine gigantische Welle rollte auf uns zu. Jetzt, wo sie näher kam, bekam diese Wand Kontur. Nach und nach verdeckte sie die Sonne am Horizont. Schatten legte sich über den Strand.

"Dir fällt bestimmt was ein", sagte ich mit einem Grinsen, als uns die Welle erfasste.

"Er kommt wieder zu sich. Seine Atmung und Puls sind auch endlich wieder stabil", sagte Julius. "Dass ich das mal sagen würde."

"Gewöhn dich besser dran", merkte ich an und richtete mich langsam wieder auf.

"Du nimm lieber deine Schmerzmittel. Was hält dich überhaupt davon ab, außer dass du lebensmüde bist?"

Ich erzählte ihnen von meinem Besuch.

"Und deswegen nimmst du die Schmerzmittel nicht?", fragte Julius berechtigterweise entsetzt.

"Das seh' doch sonst nach Schwäche aus", antwortete ich.

"Na und? Sterben ist ja so viel männlicher, Hornochse. Manchmal frag ich mich, ob dir jemand als Kind die Fontanelle eingedübelt hat."

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< Befragungsraum >

Magnus Leupold: "Das dieses Schreiben zur Abreise des Zuges bereits vorlag, ist ein außerordentlich bequemer Zufall."

Wilhelm Stark: "Ich weiß nicht, worauf du anspielst."

Magnus Leupold: "Parlament und Hoher Rat haben scheinbar an einem Sonntag getagt."

Wilhelm Stark: "..."

Magnus Leupold: "Das Parlament hat darüber gar nicht erst abgestimmt ... Die Parlamentsvorsitzende Cathy Garrison und der Wortführer der Geborenen im Hohen Rat, Rodney Garrison, sind Geschwister."

Wilhelm Stark: "Mein lieber Magnus, höre ich da die schleichende Unterstellung einer Verschwörung heraus? Unsere Führung hat eine gemeinsame Entscheidung unter äußerstem Zeitdruck getroffen und wie es die Situation erforderte, unseren Alliierten umgehend davon unterrichtet. Ein Beispiel herausragender Bürokratie im Angesicht selbst widrigster Winterstürme. Ich kann daran nichts Verdächtiges erkennen."

Diese Geschichte schließt an Operation Sublimierung an. Siehe hierfür: https://www.worldanvil.com/community/manuscripts/read/2223665389-midnightplay-operation3A-sublimierung
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